Das Presse und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main schreibt:

Wo ein Werkzeug die Welt erklärt -
Anklopfen erlaubt im neuen Frankfurter „HAMMER MUSEUM“ im Bahnhofsviertel.

Frankfurt am Main (PIA), Als Werkzeug ist der Hammer kaum zu schlagen. Er zählt zu den ältesten Gerätschaften der Menschheit, und heute noch verwenden ihn so verschiedene Berufsgruppen wie Auktionator und Richter, Metzger und Neurologe, Pianist und Uhrmacher. Doch der Hammer ist mehr als ein Gebrauchsgegenstand; er übt eine archaische Faszination aus. Den schlagenden Beweis dafür liefert der Künstler Oskar Mahler: Er eröffnete im August 2005 sein HAMMER MUSEUM im Frankfurter Bahnhofsviertel.

„Der Hammer ist ein emotional hochbesetztes Werkzeug, und viele Menschen haben dazu eine Geschichte zu erzählen“, sagt Museumsgründer Mahler. Da ist der Fotograf, dessen Oma mit ihrem Fleischhauer-Hammer jahrzehntelang ihre Schnitzel in einem Kronberger Gasthof platt klopfte. Der Silberhammer, der in den 50-er Jahren auf dem Postweg aus der DDR geschmuggelt wurde, verbirgt in seinem Stiel weitere kleine Werkzeuge, die sich auf den Kopf schrauben lassen. Und das keltische Hammersymbol, das an einer Kette baumelt, „wirkt angeblich gegen Christen“, meint Mahler und grinst. Die drei Beispiele gehören zu den bisher gezeigten 400 Exponaten, bis zu 800 weitere kommen demnächst dazu.

Der 53-jährige Künstler versteht seine Einrichtung als „work in progress“, als eine Arbeit, die im Entstehen begriffen ist. Wolfgang Lenz, Schuhmachermeister und Mitglied im Förderverein Bahnhofs- und Gutleutviertel, stellt ihm dafür den ersten Stock seiner Werkstatt in der Münchener Straße zur Verfügung. „Das ist die perfekte Verbindung zwischen Kunst und Alltag“, freut sich Oskar Mahler. „Unten hämmert’s, während ich oben erzähle – und viele Menschen, die nur Schuhe reparieren lassen wollten, finden plötzlich den Weg ins Museum.“

Mahler ist mit dem Klang klopfender Hämmer aufgewachsen; seine Großmutter besaß einen Eisenwarenladen in Bayreuth. 1972 begann er, als Bildhauer selbst mit dem Werkzeug zu arbeiten. 1975 gründete er das Klappmaul Theater in Frankfurt, wirkte dort als Autor, Regisseur, Puppenspieler und Bühnenbauer. 30 Jahre und zahlreiche Auszeichnungen später (u.a. Hessischer Kulturpreis 1996) wurde das Theater im Mai 2005 aufgelöst – und genau zu dieser Zeit suchte Wolfgang Lenz jemanden, der in seinen Räumlichkeiten ein kleines Museum einrichtet. Mahler, der seit vier Jahren Hämmer sammelt, stellte seine Idee vor, bekam den Zuschlag und bedankte sich mit dem Schild: „Schuhmachermeisterbetrieb Lenz – da, wo der Hammer hängt!“

Mahlers Sammlung zeigt den Hammer als Schmuckstück und Scherzartikel, als Mittel zum Zweck oder Mythos. In seinem Pretiosenschränkchen liegt ein Uhrmacherhammer von 1892 neben dem kleinsten Exponat: einem Werkzeug für die Kindereisenbahn. Über die genaue Funktion mancher verschlagener Fundstücke grübelt Mahler noch, und auch der Hammer seines Urgroßvaters Christian gab zunächst Rätsel auf: Er bestand an einer Kopf-Seite aus Leder. Wie sich herausstellte, behandelte der Küfer damit die empfindlichen Radkappen seines Autos, das einst das erste im ganzen Ort war. Daneben prangt ein Zitat der Frankfurter Autorin Eva Demski: „Lange ruhig sitzen schauen.“ Genau das sollen Mahlers Besucher tun, um die Geschichten der Hämmer zu hören. „Deren Vielfalt ist unerschöpflich, und jedes Land hat seine eigenen Formen“, weiß der Künstler.
Aus Sizilien stammt der Hammer mit Esels-Kopf, das spitzeste Exponat benutzen Geologen, um Gesteinsschichten zu trennen, und die Deutsche Bahn stiftete einen Klanghammer, mit dem Radreifen auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet werden.

Mahlers Nichte fertigte bunte Keramikhämmer an, sein Zahnarzt fand ein monströses Exemplar in einer Scheune, das wahrscheinlich zum Pflöcke einschlagen diente. Die Sammlung wächst ständig, und Mahler ist um jedes Stück samt dazugehöriger Geschichte dankbar. Auch der Künstler fahndet weiter nach neuen Treffern, sei es bei Ebay, auf Flohmärkten oder in der Literatur. So stieß er auf das Zitat von Goethe: „Mancher klopft mit dem Hammer auf der ganzen Wand herum und meint jedes Mal, den Nagel auf den Kopf zu treffen.“ Nach der Beschwerde eines Siebenjährigen sollen die Besucher bald auch selber zuzuschlagen können, verspricht Mahler: „Es ist ein lustvolles Gefühl, die eigene Körperkraft mit so simplen Mitteln verstärkt zu sehen.“

Neben diesem Projekt arbeitet der Frankfurter weiter als Bildhauer: Für die BOOKparade anlässlich der weltgrößten Buchmesse im Oktober 2005 steuerte er zwei Buchskulpturen bei, die in der Braubachstraße stehen. Mahler hat sie mit Blei ummantelt, mit Buchstaben behauen und damit seinem Werkzeug wieder einen ganz individuellen Abdruck verpasst. So trägt jeder Hammer die Signatur seines Besitzers – auf derartige Feinheiten möchte Mahler mit seiner neuen Einrichtung hinweisen. Sein Ziel ist „ein kleines, kurioses und tiefsinniges Museum“, und als Inspiration dazu dient ihm das Münchner „Valentin Musäum“. Schließlich habe sich Karl Valentin als gelernter Schreiner intensiv mit Werkzeug beschäftigt. Bestimmt hätte dem legendären Volkskomiker auch diese Devise Mahlers gefallen: „Es ist fast unwichtig, welchem Gegenstand man sich liebevoll zuwendet – wenn man es nur lange und intensiv genug tut, erklärt er einem am End’ die Welt.“

Nicole Unruh, PIA